Freystadt, 7. Juni 2026, 15:00 Uhr – Mit einem feierlichen und zugleich emotionalen Gottesdienst wurde die evangelisch-lutherische St. Sebastiankirche in Freystadt entwidmet. Nach Jahrzehnten als evangelischer Gottesdienstraum und mehr als vier Jahrhunderten bewegter Geschichte fand heute der letzte Gottesdienst in der traditionsreichen Kirche statt. Für viele Gemeindeglieder war es ein Tag des Dankes, der Erinnerung – aber auch des Abschieds.
Die Kirche, die ursprünglich 1617 als katholische Pestkirche außerhalb der damaligen Stadtmauern erbaut wurde, blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Über Jahrhunderte war sie katholischer Gottesdienstraum, bevor sie im Dezember 1986 von der katholischen Pfarrkirchenstiftung Freystadt notariell an die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Sulzkirchen übertragen wurde. Die Übergabe erfolgte unter der Voraussetzung einer umfassenden Renovierung.
Nach intensiver Sanierung und mit großem Einsatz vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer wurde die Kirche schließlich am 26. November 1989 wieder eingeweiht und fortan als evangelischer Gottesdienstraum genutzt. Seitdem fanden hier regelmäßig Gottesdienste, Begegnungen und Gemeindeveranstaltungen statt.
Die Geschichte der St. Sebastiankirche ist eng mit der Entwicklung der evangelischen Gemeinde in Freystadt verbunden. In den 1980er Jahren wuchs die Zahl evangelischer Christinnen und Christen in der Region deutlich an. Lange Zeit waren evangelische Gottesdienste nur als Gastrecht in anderen Kirchen möglich. Der Wunsch nach einer eigenen Kirche wurde immer größer.
Als sich gleichzeitig der bauliche Zustand der damaligen katholischen Sebastiankirche verschlechterte, entstand die Idee einer neuen Nutzung: In ökumenischer Verbundenheit wurde die Kirche der evangelischen Gemeinde überlassen – ein besonderes Zeichen christlicher Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg.
Auch die Glocken erzählen ihre Geschichte: 1991 wurden zwei neu gegossene Glocken eingeweiht. Die kleinere Glocke trägt als Symbol die Taube und die Inschrift „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“. Die größere Glocke zeigt das Osterlamm und trägt die Worte „Ich bin die Auferstehung und das Leben“.
Der Entwidmungsgottesdienst wurde in würdigem Rahmen gefeiert und von zahlreichen Gästen begleitet. Gemeinsam mit der Gemeinde gestalteten ein evangelischer Landesbischof, Dekanin Murnau sowie Pfarrer Alexander Proksch den Gottesdienst.
Als Zeichen der ökumenischen Verbundenheit nahm auch Pater Bartimäus im Namen der katholischen Kirche am Gottesdienst teil und sprach Worte der Verbundenheit und des Dankes für die gemeinsame Geschichte des Gotteshauses.
In Predigten, Gebeten und musikalischen Beiträgen wurde nicht nur Abschied genommen, sondern auch auf die lange Geschichte der Kirche zurückgeblickt. Viele Besucherinnen und Besucher erinnerten sich an Taufen, Trauungen, Gottesdienste und persönliche Begegnungen in der kleinen Kirche, die über Jahrzehnte ein geistliches Zuhause war.
Letzter Gottesdienst – neue Zukunft des Gebäudes
Mit dem heutigen Gottesdienst endet die Nutzung der St. Sebastiankirche als evangelischer Sakralraum. Das Gebäude wurde verkauft und soll künftig durch Investoren in Zusammenarbeit mit der Stadt für kulturelle Nutzungen umgestaltet werden.
Auch wenn die Kirche künftig keine Gottesdienste mehr beherbergen wird, bleibt ihre Geschichte lebendig: als ehemalige katholische Pestkirche, als evangelischer Begegnungsort seit 1989 und als Symbol gelebter Ökumene in Freystadt.
Der Abschied fiel vielen schwer. Doch die Erinnerung an diesen besonderen Ort wird bleiben – ebenso wie die Dankbarkeit für mehr als drei Jahrzehnte evangelischen Gemeindelebens in der St. Sebastiankirche.
Kirchen können entwidmet werden – Glauben und Gemeinschaft bleiben.



